Ulrich und sein Praktikum in Indien.

Mittwoch, Oktober 26, 2005

Nachschlag...


Beim durchlesen meines vorherigen Eintrags ist mir aufgefallen, dass noch so vieles fehlt, was ich erzählen wollte. Also habe ich mich entschlossen den Rest doch nicht komplett meinem Siebartigen Gedächtnis anzuvertrauen und noch ein paar Kleinigkeiten hinzuzufügen.

Dass das Bier hier ein leidiges Thema ist, habe ich ja schon ausführlich beschrieben. Dass es allerdings neben dem fiesen Geschmack auch noch andere hinterhältige Eigenschaften besitzt wurde mir erst in Goa vor Augen geführt. Nach der Feier am Samstag folgte ein böses erwachen. Meine unbändige Freude, endlich ein ruhiges Plätzchen ohne Motorenlärm gefunden zu haben, verfliegt schnell als ich herausfinde, wie laut Krähen schreien können (vor allem morgens). Außerdem ist eine Indische Familie in den Raum neben mir gezogen. Wie das Doppelbett im Zimmer die 8(!) Personen verkraftet hat, habe ich nie herausgefunden, allerdings schon, was für einen Lärm die Morgens beim frühstück machen.
So ist die Nacht für mich und Lochlin also ziemlich kurz. Als ich dann versuche aufs Klo zu gehen, bleibt mein Kopf irgendwie am Kissen hängen. Oder besser: Ich bekomme ihn nicht vom Kissen hoch. Ich versuche erstmal den Knopf zu finden mit dem man die Turbine abschaltet die neben meinem Kopf dröhnt - ohne Erfolg. Als ich es dann doch schaffe mich aufzurichten wird das dröhnen abrupt unterbrochen und durch wütendes Hämmern ersetzt, was bei mir den Toter-Mann Reflex auslöst und mich wieder zurücksinken lässt. 10 Minuten später treibt mich dann das Bedürfnis nach einer Toilette doch aus dem Bett. Der Gang zum Klo wird mein persönlicher Kreuzweg. Nach einiger Zeit verlasse ich dann Golgota wieder und schleppe mich auf meine Terrasse. Sonne und frische Luft helfen und nachdem mein Kopf soweit klar ist, dass ich nicht mehr nur durch Reflexe gelenkt werde, beginne ich mich zu wundern was diesen größten anzunehmenden Unfall in meinem Kopf verursacht haben könnte. Zugegebenermaßen waren wir alle in der vorherigen Nacht keine Waisenkinder gewesen, aber es war nicht so, als hätte ich nicht noch laufen können.
Der Mann mit dem Hammer in meinem Kopf heißt Glycerol, ist soweit ich weiß ein Konservierungsmittel und wird hier in absolut unvernünftigen Mengen dem Bier zugeführt. Überführen konnte ich ihn dank Lochlins Reiseführer, der sogar Tipps gibt, wie man das Zeug entfernen kann... Gott sei dank habe ich immer noch Whiskeyvorräte (Ich habe mir von meinem Chef eine weitere Flasche Balvenies aus dem Duty Free mitbringen lassen) auf die ich ausweichen kann.
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Reis ist in Indien wohl das Grundnahrungsmittel schlechthin. In Goa, dessen Klima und Wasserreichtum für den Anbau ideal ist, findet man demensprechend auch überall Felder. Nach der Ernte muss besagtes Naturprodukt erst getrocknet werden. Die findigen einheimischen haben offensichtlich entdeckt, dass der sich schnell erhitzende Asphalt sich dafür bestens eignet. Das hat zur Folge, dass so manche breitere Straße auf einmal einspurig wird. Der Rest wird von Indern beansprucht, die den gerade Ausgelegten Reis mit Argusaugen überwachen und wohl auch bereit sind sich mit den Autofahrern anzulegen. Dass es durch diese Reisblockaden nicht zu größeren Staus kommt, ist wohl dem wenigen Verkehr zu verdanken. Zu Staus kommt es eher wegen den Kühen, die hier ab und an auf der Straße spazieren gehen. Was das für die Hygiene bedeutet mag ich mir nicht ausmalen... Ich hatte dort 2-mal Reis und fand ihn sehr schmackhaft.
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Obwohl Baga ein Touristenort ist und der Strand auch die eindeutigen Zeichen trägt, findet man sogar hier noch Teile des ursprünglichen Lebensstils. So ziehen die Fischer immer noch jeden Morgen ihre kleinen Boote ins Wasser und gehen auf Fischfang. Wenn sie dann kurz vor Mittag wieder kommen, packen alle mit an, ziehen das Boot an den Strand und löschen den Fang, der dann ein paar Stunden später in den Magen eines zufriedenen Touristen wandert.
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Das schon lange ausstehende Kapitel über Frauen in Indien habe ich immer noch nicht geschrieben, allerdings hier vielleicht ein kleiner Vorgeschmack:

In Arangol, eigentlich einem der ruhigeren Strände, begegne ich einer indischen Reisegruppe, die gerade den Strand stürmt. Nach den üblichen Photos, die mit dem Westler gemacht werden, reißen sich die Herren der Schöpfung bis auf die jeweilige Unterwäsche alle Kleider vom Leib und stürzen sich tobend in die Fluten. Der weibliche teil der Gruppe schaut mit großen Augen zu. Ein paar mutige Krempeln die Hosen hoch und staksen unsicher ins Wasser. Ermutigt von dem Anblick traut sich auch der Rest bald auch in die Fluten, aber die Kleidungsstücke bleiben an. Wirklich weit hinaus geht allerdings keiner, was auch daran liegt, dass nicht sehr viele Inder schwimmen können (zumindest abseits der Küstenregionen) und einen Lifeguard wird man hier vergeblich suchen.

Als ich am strand weiter gehe und mich ein bisschen in die Büsche schlage, schrecke ich ein paar indische Pärchen auf, die sich hierher zurückgezogen haben. Freilich sind alle keusch bekleidet, dennoch schauen sie mich immer an, als hätte ich sie gerade beim wilden Liebesspiel überrascht. In Indien gilt es als unschicklich, Zuneigung zum Partner in der Öffentlichkeit zu zeigen. Was man sieht geht über Händchen halten nicht hinaus. Ein Kuss, so wurde mir erzählt, wäre schon der Anlass für ein größeres öffentliches Ärgernis. Die Pärchen die sich also hier zurückziehen sind es meist schon zufrieden einfach unbeobachtet etwas Zeit miteinander unter den Palmen verbringen zu dürfen. Wenn sie wieder daheim sind, werden sie ihre Beziehung wohl wieder vor Eltern, Verwandten und manchmal sogar Freunden verstecken müssen.
Als im indischen Radio "City" unlängst ein Jüngling berichtete er sei auf dem Weg nach Hause zu seiner Freundin, löste das beim Moderator ungläubiges Staunen aus.
Da werden Nadine und ich uns wohl sehr zurückhalten müssen, wenn sie mich hier besuchen kommt.

3 Comments:

Blogger Mafine said...

Oh mann das kann ich mir so richtig Vorstellen wie du mit dickem Kopf aufgewacht bist. Aber wärend deiner ausfühlichen Beschreibung konnte ich mir das lachen nicht verkneifen und meine Kollegen haben mich schief angeschaut. "was gibts denn da zu lachen?"
Die armen indischen Frauen, des is echt schlimm. Ich mein bei uns is es manchmal schon übel wenn manche päärchen nicht mehr von sich lassen können. aber so übel das man schon schief angeschaut wird wenn man händchen hält. Sind halt ganz brav die Inder!

28 Oktober, 2005 14:17

 
Anonymous Bobby said...

Moin...
mann ich will auch da hin... so geniale Strände gabs bei mir nicht.
An das Bier kann man sich glaub ich gar nicht gewöhnen... ich hab in China auch so ne Plörre gehabt, sobald man da mal mehr als eins getrunken hat hatte man am nächsten Morgen nen Megaschädel.
Halt die Ohren Steif da unten und wenn ich zwischen den Klausuren und meinem diplom noch ein bisschen Zeit hab komm ich mal vorbei...

take care
bobby

30 Oktober, 2005 15:59

 
Anonymous Marco said...

Hallo Ulrich,

dein Blog ist echt super interessant hab mir alles durchgelesen!
Jetzt verlangt meine Neugier (täglich) nach mehr... ;-)

Ungedultigst

Marco ;-)

04 November, 2005 14:26

 

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