Ulrich und sein Praktikum in Indien.

Freitag, Dezember 23, 2005

Weihnachten, Tempel und jede Menge Essen

Es heisst nicht unmsonst, dass man so manches Ereignis nach einiger Zeit klarer sieht. Das ist natuerlich auch genau der Grund, warum ich euch dieses mal etwas warten liess vor dem naechsten Eintrag...
Naja, eigentlich hat mich die ein oder andere Email wach geruettelt, in der gefragt wird, ob ich noch lebe und ob alles in Ordnung ist.
Ja. Ich lebe noch. Auch wenn die Inder letzte Woche wohl andere Plaene hatten.

Es ist Nacht, ich bin hungrig, unleidig und faul. Der schnellste Weg in dieser Situation geht bei mir leider nicht zum Kuehlschrank (weil die Existenz des selbigen im Buero leider nach wie vor nicht nachgewiesen werden konnte) sondern auf die Strasse und ins naechste Restaurant. Auf der Strasse angekommen (das Grollen in meinem Magen uebertoent mittlerweile die quaekenden Hupen der Rikshadriver) gehts also im Eiltempo zum naechsten Restaurant. Ich will schon die Strasse ueberqueren als mir der unwiderstehliche Geruch von Egg fried rice in die Nase weht...
Ein Strassenhaendler hat sich strategisch guenstig zwischen meinem Stammrestaurant und dem Buero positioniert. Diverse andere Begegnungen mit dem oertlichen Essen von der Strasse habe ich bisher heil ueberstanden, also gibt es keinen Grund mein Glueck nicht auf eine erneute Probe zu stellen um mir die letzten 50(!) Meter zu sparen. Nachdem ich also eine ordentliche Portion vom angebotenen verschlungen habe, (natuerlich nicht ohne Unterhaltungen in mit den anwesenden Indern) bin ich vorerst wieder zufrieden mit der Welt. Vorerst.
Was dann kommt kann sich der Leser nach dieser Einleitung schon denken. Ich wache mitten in der Nacht auf und denke mir noch nichts dabei (immerhin Bellt immer mal ein Hund vor meinem Fenster, oder ein Laster faehrt hupend durch die Strasse). Ich will mich gerade wieder umdrehen und weiterschlafen, als mein Bauch eine Kette unmoeglicher Laute von sich gibt und ploetzlich anfaengt innerlich auseinanderzurbrechen. Mit Traenen in den Augen und auf allen vieren mache ich mich also auf den Weg zu dem Ort, den ich die naechsten zwei Tage kaum verlassen werde. Mein Klo.

Was ganz anderes (ich finde von meinen Darmproblemen aus keine rechte Ueberleitung)

Weihnachten (jaa, mal wieder und immer noch) und Weihnachtsengel.
Eine Komillitonin aus Karlsruhe hat es sich nicht nehmen lassen die Geschenke meiner Lieben und Liebsten auf ihren Kurztrip nach Bangalore mitzunehmen und sie mir vorbeizubringen. 4 ½ Kilo (!) zusammengesetzt aus allen moeglichen Leckereien, an die man hier in Indien nur schwer, oder gar nicht herankommt.
Die Plaetzchen sind FANTASTISCH! (spezielles Danke an meine Maedels)
Die Gummitiere schon beinahe wieder verschlungen (Ein Dankeschoen an meine Liebste)
Das Buch gelesen (Vielen Danke an Familie Wunsch)
Die Bilder aufgehaengt (spezielles Danke an eine spezielle Freundin)
Und die Krippe aufgestellt (Warmen Dank an zwei ganz besondere Eltern)

Danke an alle Sender, ihr habt mir eine riesige Freude gemacht und natuerlich danke Katharina, dass du das ganze Zeug von Deutschland hier her geschleppt hast.

Dermassen hinterruecks von Weihnachtsgefuehlen heimgesucht und niedergerungen sass ich also vor zwei Wochen staunend und mit warmen Gedanken an meine Heimat vor meinem ganz persoenlichen Gabentisch. Stellt euch einen zufriedenen, plaetzchenkauenden Ulrich vor, der mit Genugtuung auf einen Berg von Leckereien herabschaut und euch in Gedanken alle mal fest in den Arm nimmt.

Viel Zeit fuer Sentimentalitaeten gab es allerdings (Gott sei Dank) nicht, da Katharina ein vollgestopftes Programm fuer ihre 10 Tage hier in Bangalore hatte und ich in ihren Aktivitaeten (erfreulicherweise) voll mit eingeplant war. Das bedeutete also, dass ich bis auf meinen Ausfall (zwecks Magenproblemen) jeden Abend unter der Woche auf Achse war. Habe im Zuge dessen einen total durchgeknallten Inder kennen gelernt (Roohshad) von dem ich bestimmt noch einges berichten werde. Letzten Donnerstag z.B. sind wir singend durch die Strassen von Bangalore gezogen, nachdem wir einen netten Californier in einem Restaurant kennengelernt hatten, der wohl selbst ab und an gerne mal ein Liedchen anstimmt. Gemeinsam wurden wir dann aufgrund des Singens vom Manager hinauskomplimentiert...

An dem Wochenende an dem auch Katharina da war, war ungluecklicherweise auch die Tempeltour nach Tirupati mit Muthu und dessen Freunden geplant. Keine Frage, dass konnte ich mir nicht entgehen lassen 9 Inder auf Tempelausflug. Das ist fast wie eine Lifedokumentation ueber indische Kultur.
Tirupati ist eine der bekanntesten und beliebtesten Pilgerstaetten in Suedindien. Dementsprechend stroemen die Leute aus allen Himmelsrichtungen auf das Heiligtum zu. Kein Problem. Wer 3 Monate in Indien ist und seine Beruehrungsaengste immernoch nicht los hat, hat entweder nie sein Zimmer verlassen oder alle oeffentlichen Plaetze im Auto sitzend betrachtet.
Sie alle kommen um der dortigen Gottheit im Tempel zu huldigen. Balaji ist eine Beruehmtheit. Er verspricht Geld fuer Geld. Gibsu fuenf gebisch fuenfhundert. Das zieht. Vom Kleinunternehmer bis zum Vorstand, alle kommen sie her und spenden.Die Einnahmen des Tempels gehen in die Millionen. Muthu glaubt daran (Alle dort glauben dran, unterstuetzt von immer neuen Erfolgsmeldungen). Er wird spenden, fuer sich und fuer unsere Firma. Mit leuchtenden Augen erzaehlt er mir vor der Reise welches Glueck uns wiederfahren wird.
Auslaender brauchen eine extra Eintrittserlaubnis zum Tempel (Sagt ein mal mehr Hallo zur indischen Buerokratie) allerdings wir mir versichert, dass es vor Ort kein Problem sein wird eine solche zu bekommen, da es sowieso kaum Touristen dorthin verschlaegt und demnach die Schlange vor dem Schalter recht klein ausfallen duerfte.
Um das vorweg zu nehmen, ich drufte nicht in den Tempel. Der Herr fuers Ticket war zunaechst Essen und entschied sich danach der wartenden Menge (ja, die Schlange war auch nicht so klein – Sagte ich Schlange? Ich meine die draengelnde Meute) mitzuteilen dass er nicht gedenke vor 8.00 Abends noch etwas zu arbeiten. Die Gitter vor dem Fenster des Schalters waren in diesem Moment sehr berechtigt und vor allem der Gesundheit des SchalterBEAMTEN zutraeglich.

Bis dahin war ich noch sehr euphorisch gewesen, da mir der Ausflug und die gute Gesellschaft (Muthus Freunde sind ein netter Haufen). Einen risen Spass machten. Alleine um zum Tempel zu gelangen legten wir 4000 Stufen und 9 Kilometer zurueck.
Alles singend lachend und schwatzend. Der Ausblick war atemberaubend, bis wir dann vom Nebel der tiefhaengenden Wolken verschluckt wurden und von der umgebenden Landschaft nichts mehr sahen. Begleitet wurden wir vom kreischen der Affen, dem Murmeln der Bettler und den „Hello!“-rufen der Haendler, die entlang des Wegs immer wieder Erfrsichungen und leckere Snacks anboten.
Durch die fehlende Tempelerlaubnis war dann der Aufenthalt im Tempelbezirk in Tirupati durch ein Stundenlanges Herumschlaendern auf dem Tempelgelaende gekennzeichnet, auf dem sich hunderte kleiner Geschaefte draengen, deren Besitzer alle um die Gunst der vorbeiflanierenden Besucher buhlen. Ich war der einzige Weisse an dem Tag. Nach einer Stunde Auslagen betrachten spulte ich nur noch monothon in 5 Sekunden abstaenden „no thanks – just looking“ ab.
Waehrend dieser Zeit wartete ich auf die Anderen, die sich ja aufgemacht hatten, dem Gott zu huldigen. Das Problem dabei waren die anderen Scharen von Indern (wir erinnern uns: von Nord, Ost, Sued und West) die alle den gleichen Plan hatten.
Kilometerlange Schlangen bilden sich, die sich ueber den ganzen Tempelkomplex ziehen. Ablenkung gibts nur durch die eigene Gesellschaft. Als ich die Ausmasse der indischen Froemmigkeit sah, war ich auf einmal gar nicht mehr so veraergert darueber, dass mir diese Tortur erspart wurde. Wenigstens konnte ich umherschlendern und frei atmen. Die anderen waren in den abgesperrten Warteschlangenbereichen eingezwaengt und warteten insegsamt sechs Stunden auf ihre 5 Sekunden im Tempel vorm Gott (mehr wird einem nicht zugestanden bevor die oertlichen Priester einen weiterziehen)

Alles in allem war Tirupati den Trip Wert, was allerdings auch (oder hauptsaechlich?) der guten Gesellschaft in der ich mich befand, gutzuschreiben ist.

Andere Highlights der letzten Wochen:

Am letzten Sonntag war 4 Adventsbrunch im Leela’s Palace. Ein 6 Stunden Schmaus mit den Trainees von Bosch, bei dem wir uns bei 28 Grad im wunderschoenen Dschungelgarten des Leelas so richtig verwohnen liessen. Allein die Tafel mit den 20 Desserts fesselte meine Aufmerksamkeit fuer mehr als eine Stunde. (=

Am darauf folgenden Dienstag wurde ich zum Grillen eingeladen. Ja, ihr habt richtig gehoert. Richtiges deutsches Grillen. Maurice, fuer 3 Jahre hier und Siemens Mitarbeiter hat es sich nicht nehmen lassen und einen Edelstahlgrill bei einer oertlichen Schmiede in Auftrag gegeben. Ich liebe ihn dafuer und fuer die 2 Kg bestes Rindfleisch die er eingekauft hat, liebe ich ihn noch mehr.

6 Comments:

Anonymous Anonym said...

Mampfi hat gesagt:
Es gibt noch Engel in der Welt. Engel sind Menschen, die ins dunkle Leben einen Lichtstrahl bringen, einen Funken Freude aus dem Paradies. Sie leben und arbeiten für Menschen, die weniger Glück hatten. Sie zählen die Stunden nicht, sie fragen nicht nach Lohn. Ihre Liebe zu den Menschen ist größer. Wenn sie nicht wären, würden viele keine Beachtung und keine Zuwendung, keine Hilfe und keine Freundschaft finden.

Es gibt noch Engel: mitten unter uns.
Sie wirken Wunder, ohne es selbst zu wissen.

Viele Engel sing unterwegs, du bist einer von ihnen.

23 Dezember, 2005 22:47

 
Anonymous Anonym said...

Boss hat gesagt:

Sternenklar

In den Momenzen, in denen es uns gut gelingt,zu sein, was wir sind, ohne lange zu fragen, was wir sein sollten, funkelt unser Lebenslicht wie ein heller Stern.

23 Dezember, 2005 22:50

 
Anonymous Anonym said...

mom and dad wünschen gutes Essen, Geselligkeit, gute Gespräche und und auch einige besinnliche Augenblicke. "Frohe Weihnachten"
Weinachtsgeschenk auf dem Konto!

23 Dezember, 2005 22:56

 
Blogger Ulrich said...

@ Mom & Dad: Weihnachtsgeschenk dankend erhalten (= Frohes Fest euch beiden, wuerde auch dieses Jahr gerne wieder mit euch verbringen.

@ Mampfi und Boss:

Danke fuer die lieben Worte

25 Dezember, 2005 02:21

 
Blogger Mafine said...

Schön mal wieder was von dir zu lesen, obwohl ich die Geschichten schon kenne macht es doch riesen Spaß das ganze nochmal zu lesen. Gaaanz viele liebe Grüße von meiner ganzen Familie und du hast uns allen sehr gefehlt an Weihnachten. Natürlich besonders mir! *bussi*

27 Dezember, 2005 09:31

 
Anonymous Daniela said...

Gut zu wissen... wir hatten ja schon oft vor zu diesem Tempel zu fahren, aber beim Lesen ist mir spontan die Lust vergangen. In Schlangen stehen, Extra Erlaubnis erbitten und dann 5 Sekunden irgendwo hinstarren kenn ich alles schon. Super Insider-Wissen, das ich sofort weiterleiten werde. Du hast mich wahrscheinlich vor einem grausamen Tag mit ganz viel schlechter Laune bewahrt.

28 Dezember, 2005 14:22

 

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